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Auf der Suche nach den Wisenten vom Białowieża Urwald

Aktualisiert: 28. Juni 2022


Bialowieza Urwald im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Ganz im Osten Polens, an der Grenze zu Weißrussland befindet sich der Białowieża-Urwald. Der Urwald und der zugehörige Nationalpark verläuft auf beiden Seiten der Grenze und hat eine Fläche von insgesamt 150.000 Hektar (62.500 Hektar davon auf der polnischen Seite). Er ist die Heimat der größten Population wild lebender Wisente. Der Wisent oder Europäische Bison ist das größte Europäische Landsäugetier. Nachdem um 1900 die letzten wild lebenden Wisente erschossen wurden, begann man 1952 mit der Wiederansiedelung. Seit 1979 zählt die Region zum UNESCO Weltnaturerbe und heute leben wieder über 600 Wisente im Białowieża-Urwald (davon etwa 350 auf polnischer Seite). Mein Ziel war es diese beeindruckenden Tiere dort aufzuspüren und zu fotografieren.


Tag 1: Spuren und Zeichen


Wisent Statue in Hajnówka, Polen, Tratz Fotografie
Wisent-Statue in Hajnówka

Als ich gestern in Białowieża angekommen bin, konnte ich mich dem Charme der Wisente gar nicht entziehen. Überall an den Gartenzäunen hängen Plakate mit Wisenten darauf, die Touristen in die Unterkunft locken sollen. Aus Holz geschnitzte Wisent-Köpfe zieren so manchen Hauseingang und sogar große Wisent-Statuen stehen hier und im Nachbarort Hajnówka. Als ich vom Abendessen zur Unterkunft ging und dann auch noch einen Wolf heulen hörte, stieg meine Erwartungshaltung ins Unermessliche.



Wegweiser im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Nun ist es also soweit. Meine erste Wanderung durch den Białowieża Nationalpark. Ich habe mich für den Anfang für den "Carska Tropina" entschieden, den "Waldpfad des Zaren". Würde ich hier Wisente vor die Linse bekommen? Oder gar Wölfe?


Zu Beginn des Weges wandere ich durch einen Korridor der ächzenden Bäume. Jeder Windstoss läßt die Bäume um mich herum knarren und knarzen, so dass ich hinter jedem Geräusch ein nahendes (oder ein flüchtendes) Tier vermutete. Nach kurzer Zeit erreiche ich das Ende dieses "Korridors" an dem ein Aussichtsturm steht. Von dort kann man eine Ebene überblicken, durch die der Fluß Narewka fließt. Aus meinem travel guide, den ich mir gestern gekauft habe, weiß ich, dass hier gelegentlich Biber zu beobachten sind, auch Elche und Wildschweine schauen ab und an mal vorbei. Aber in diesem Moment: nichts zu sehen.



Wisent Spuren im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie
Wisent Spuren sind hier allgegenwärtig

Gut, weiter. Nun führt der Pfad durch den Wald, der hier nicht mehr so dicht ist, wie beim "Korridor der ächzenden Bäume". Auch ist es seit dem Aussichtsturm windstill, so dass die Bäume nicht mehr knarzen und knarren. Immer wieder sind auf dem sandigen Pfad Spuren von allen möglichen Tieren zu sehen. Viele sind von Rehen oder Rotwild und Wildschweinen, aber auch Wisent- und Wolfspuren sind dabei.


Plötzlich höre ich das grunzen von Wildschweinen in nicht allzu weiter Entfernung. Ich halte inne, versuche die Rufe zu lokalisieren. Drehe mich in die Richtung aus der sie kamen. Doch ich sehe: nichts. Versucht mich die Natur zu ärgern?


Nun, Tiere in der Wildnis zu beobachten ist kein Wunschkonzert, deshalb hilft kein lamentieren. Weiter gehts, vielleicht habe ich ja später noch Glück. Doch außer ein paar kleineren Vögeln ganz weit oben in den Baumwipfeln sollte ich heute kein Tier mehr zu Gesicht bekommen. Nur Spuren und Zeichen und am Ende des Tages fühle ich mich ein wenig wie ein Kryptozoologe, der zwar fühlt, dass Bigfoot da ist, ihn aber letztlich doch nicht sieht, geschweige denn auf Bild festhalten kann. Was bleibt, ist die Hoffnung auf die kommenden Tage und eine schöne Wanderung durch den letzten Tiefland-Urwald Europas, der zu Recht Unesco Weltnaturerbe ist.


Tag 2: Ein Hoffnungsschimmer


Wegweiser mit Wolf im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Ein neuer Tag, ein neuer Versuch. Heute fahre ich nach Stare Masiewo, von wo aus ich mich auf den "Wilczy Szlak", den Wolfs-Trail begeben werde. Die ersten 20 km fahre ich die gleiche Strecke, wie am Tag zuvor. Plötzlich huscht ein Eichhörnchen vor mir über die Straße und verschwindet im Dickicht. Na immerhin habe ich schon mal mehr Glück als gestern! Die Straße nach Stare Masiewo führt mich durch den Ort Narewka und durch ein kleines Dorf namens Olchówka. Nach dem Dorf blicke ich nach links und blicke nach rechts, doch halt! Was sehe ich dort auf dem Feld? Das ging ja schnell heute. Tatsächlich, da grast eine kleine Gruppe Wisente. Fünf, vielleicht sechs Tiere, zwei davon ziemlich groß, vermutlich Männchen. Ein kleiner Feldweg führt auf die Gruppe zu. Ich biege ein und halte in einiger Entfernung an, stelle den Motor ab und bereite meine Kamera vor. Mir bleibt auch noch Zeit das Stativ aufzubauen, als sich die Gruppe in Bewegung setzt. Sie müssen mich bemerkt haben. Schnell mache ich ein paar Bilder, bevor sie im Wald verschwinden. Wundervoll, der Tag fängt doch gut an!


Wisente im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie


In Stare Masiewo angekommen parke ich mein Auto und wandere los. Zunächst komme ich zu einer großen Lichtung an deren Rand ein kleiner Unterstand steht. In der Mitte der Lichtung befindet sich ein Holzaufbau, der fast ein wenig einem Opferaltar gleicht, auf dem ein Berg Heu deponiert wurde. Die Wisente bekommen nämlich im Winter zusätzlich Heu angeboten, da in der Regel das natürliche Nahrungsangebot knapp ist. Momentan liegt aber kein Schnee und offensichtlich tangiert der Heuberg die Wisente nicht besonders. Jedoch sehe ich plötzlich Bewegung auf der Lichtung.

Grenze zwischen Polen und Belarus im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie
Die Polnisch-Weißrussische Grenze bei Stare Masiewo

Ein Fuchs, der die Lichtung überquert auf die andere Seite, wo die Grenzpfosten der Polnisch-Weißrussischen Grenze zu sehen sind.

Vielleicht ein Grenzgänger, aber vermutlich hatte er mich erst bemerkt, als er schon losgelaufen war und nun eilig das Weite sucht.


Der Rest des Weges verläuft ähnlich ereignisreich wie gestern, mit Ausnahme einer polnischen Grenzpatrouille, die meine Dokumente überprüfen will, als ich gerade in einem historischen Schmalspur-Eisenbahnwagon Pause mache. Eine Freiluftausstellung zeigt die alte Wald-Schmalspurbahn, welche vom Ersten Weltkrieg bis in die 90er Jahre Holz durch den Wald transportierte.

Museums Eisenbahn Wagon im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Ein Teil des Weges verläuft an den mittlerweile überwachsenen Gleisen entlang. Heute kann man die Dampflok und die Wagons dort besichtigen und wunderbar eine Pause einlegen.


Auf der Rückfahrt nach Białowieża erspähte ich im Wald links von mir etwas, das ich zunächst für einen Luchs halte. So viel Glück kann man doch gar nicht haben, oder? Tatsächlich stellt es sich als Reh heraus, als ich vorsichtig rückwärts fahre kann ich noch ein zweites ausmachen, doch bevor ich auch nur daran denken kann, meine Kamera hervorzuholen, hüpfen sie durch das Dickicht bereits davon.


Zufrieden mit dem heutigen Tag und mit Muskelkater von der Wanderung, blicke ich wieder nach vorne und so werde ich morgen dem Aussichtspunkt Kosy Most einen Besuch abstatten und mich dort auf die Lauer legen, um meinen Beinen eine Pause zu gönnen. Mal sehen, was sich dort so alles zeigt.


Tag 3: Tag des Vogels


Brücke und Bach im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Kosy Most: was soviel bedeutet wie "schiefe Brücke": Der Aussichtspunkt liegt direkt am Fluss Narewka. Dieser entspringt in Weißrussland und ist mit 60 km Länge der längste Fluss im Białowieża Gebiet. Dass hier Biber heimisch sind, ist deutlich an den angeknabberten Bäumen zu sehen.


Nachdem ich mein Stativ aufgebaut habe, sitze ich nun hier in der offenen Aussichtshütte und hoffe, dass die Tiere irgendwann beginnen vom Waldrand auf die Lichtung zu treten und sich mir zu zeigen. Um mich herum wütet das Gehämmere der Spechte wie Maschinengewehrfeuer aus allen Richtungen. Später sollte ich auch noch einen Mittelspecht zu Gesicht bekommen. Ein Ornithologe hätte vermutlich seine helle Freude an diesem Tag gehabt, überhaupt an diesem Ort. Neben dem Specht sehe ich außerdem eine Kohlmeise, eine Singdrossel, ein Seidenschwanzpärchen und Singschwäne im Formationsflug. Die machen übrigens einen Heidenlärm! Ich dachte von Weitem kommt ein stark motorisiertes Gefährt auf mich zu, stattdessen alles nur Geschnattere!

Mittelspecht im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie
Mittelspecht bei der Arbeit

Apropos Lärm und Geschnattere: Ich wurde heute auch von Vögeln an der Nase herumgeführt. Eichelhäher können nämlich den Ruf des Mäusebussards nachahmen! Was habe ich die Baumwipfel am Waldrand abgesucht nach den vermeintlichen Greifvögeln. Aber schließlich hat er sich gezeigt, der Schelm!


Wie gesagt, ein Vogelfreund würde wahrscheinlich jauchzend im Kreis springen und von Vogelglück sprechen. Leider kann ich mich für unsere gefiederten Freunde nicht ganz so begeistern, wie ich es für Säugetiere tue und deshalb empfinde ich den Tag heute als kleine Enttäuschung, vor allem nach den Sichtungen gestern.



Tag 4: Frustration und ein Plan


Waldweg im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Bei der Fahrt zum Parkplatz sehe ich Rehe im Wald rechts neben mir. Ich halte vorsichtig an und mache Bilder. Sehr schön, wie das Reh zwischen den Bäumen direkt in meine Richtung schaut. Ärgerlicherweise hatte ich gestern nach den Panoramaaufnahmen vergessen, die Lichtempfindlichkeit des Sensors von ISO 100 wieder auf Auto-ISO umzustellen, so dass die Bilder leider zu dunkel wurden. Nachdem ich den Fauxpas bemerkt hatte, waren nur noch die weißen Hinterteile zu sehen.



Sonne hinter Bäumen im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Heute gehe ich den Wolf Trail von der anderen Seite Richtung Osten. Der Weg führt direkt an der nördlichen Grenze des strikten Schutzgebietes entlang, das nur mit Sondergenehmigung betreten werden darf. Kurz bevor ich die Stelle erreiche, wo ich zwei Tage vorher umkehrte, stoße ich auf einen Ort, der offensichtlich von Wisenten stark frequentiert wird. Trampelpfade mit Wisent-Spuren und Wisent-Exkremente weisen deutlich darauf hin. Ein großer Fuchs steht mir plötzlich zehn Meter entfernt gegenüber. Er war wohl gerade auf Nahrungssuche und genauso überrascht wie ich über den Anblick seines Gegenübers. Doch bevor ich reagieren kann, ist er auch schon durchs Unterholz wieder verschwunden. Hinter einem Baumstamm schlage ich mein Lager auf und lege mich auf die Lauer. Doch entweder ist meine Tarnung nicht ausreichend oder ich habe einfach kein Glück mehr, denn kein Tier wagt sich in meine Nähe. Morgen werde ich wieder zu dieser Stelle gehen, aber früher und hoffe, dass ich am fünften und letzten Tag endlich Glück habe und tolle Fotos vom größten Landsäugetier Europas machen kann.


Tag 5: Die Könige des Waldes


Landschaft im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie

Heute breche ich früh auf zu der Stelle, die ich gestern entdeckt habe mit der Hoffnung heute meine Expedition zum letzten Tiefland-Urwald Europas zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Ich muss gestehen, dass mich der Verlauf und vor Allem die Bildausbeute bislang, doch etwas frustriert haben. Noch nicht richtig an der Ortsausfahrt vorbei, entdecke ich links drei große Wisente am Waldrand. Ich halte an und genieße das Schauspiel. Um vernünftige Bilder zu machen ist es leider noch zu dunkel. Nachdem sie im Wald verschwunden sind fahre ich weiter, parke in der Nähe der Kosy Most und begebe mich also wieder auf den Wolf-Trail, den "Wilczy Szlak" um zu der Stelle zu gelangen, die etwa acht Kilometer weiter östlich im Nationalpark liegt. Rotwild springt vor mir über den Weg, ich versuche, meine Kamera schnell genug in Position zu bringen, doch mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass man bei den scheuen Waldtieren hier eine Reaktion wie ein Jedi bräuchte, um Sie auf Bild zu bannen. Aber ich spüre, heute ist ein guter Tag!


Kurz bevor ich an meinem Ziel ankomme verlangsame ich unwillkürlich meine Schritte, denn ich kann bereits schemenhaft Bewegungen großer Tiere zwischen den Bäumen wahrnehmen. Leise nehme ich meinen Rucksack vom Rücken und bereite meine Kamera vor. Rechts von mir sehe ich drei oder vier große Wisente grasen, die sich langsam von mir weg durch den Wald bewegen. Von vorne beäugt mich bereits ein junger Wisent neugierig zwischen zwei Bäumen hindurch. Ich versuche mich leise hinter einem dicken Baum zu verstecken. Doch zu spät! Ich weiß nicht, was genau die Reaktion ausgelöst hat, doch plötzlich beginnt sich die ganze Herde panisch in Bewegung zu versetzen. Die Erde bebt und etwa 30 bis 40 Wisente trampeln durch den Wald und rasen mit 40 Stundenkilometern über Holz und Wurzeln davon. Ein wahrlich beeindruckender Moment, leider viel zu schnell vorbei und von den Tieren ist nichts mehr zu sehen.

Junger Wisent hinter Bäumen im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie
Leider wurde ich zu früh entdeckt

Ich lege mich noch einmal zwei Stunden auf die Lauer in der Hoffnung, dass sie noch mal zurück kehren, oder eine weitere Gruppe vorbei schaut. Doch leider warte ich vergebens. Wisente schließen sich im Winter zu Herden von bis zu einhundert Tieren zusammen. Doch auch in großer Zahl von mehreren Dutzend, verhalten sie sich offenbar sehr scheu und die kleinste Störung führt zur Flucht.

Tag 6: Abreise mit Überraschungseffekt


Vor der Rückreise stehe ich vor der Frage, ob ich etwas später fahren soll und im "Bison Show Reserve" noch ein paar Porträt- und Detail-Aufnahmen von Wisenten mache. Doch ich entscheide mich dagegen und will stattdessen noch mal Richtung Nationalpark fahren, wo ich gestern die ersten Wisente entdeckt hatte.

Wisent Hinweisschild im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie
Hinweisschilder warnen vor kreuzenden Wisenten

Vielleicht habe ich zum Abschluß ja noch einmal Glück. Heute sind dort keine Tiere zu sehen, aber wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch weiter auf dieser Straße bleiben und noch etwas am Rand des Nationalparks entlang fahren. Am Ende komme ich auch so nach Hajnówka und weiter Richtung Heimat.


Dies sollte sich als gute Entscheidung erweisen, denn zwischen den Dörfern Teremiski und Budy treffe ich auf eine Gruppe von sechs Wisenten, die in etwa hundert Metern Entfernung vor dem Waldrand grasen. Da es heute schon hell genug ist, hole ich die Kamera und das Einbeinstativ aus dem Kofferraum, verstecke mich vorsichtig hinter der kleinen Hecke am Straßenrand und tatsächlich gelingen mir doch noch ein paar ganz ordentliche Aufnahmen.


Ein Ende meines Aufenthaltes in Białowieża mit dem ich nicht mehr gerechnet habe.

Wisent im Bialowieza Nationalpark, Polen, Tratz Fotografie
Der König des Białowieża Urwaldes

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